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Mein Kompass

Als Albert Einstein „einst fünfjährig krank im Bett lag, brachte ihm der Vater zum Zeitvertreib einen Kompass. Albert erinnerte sich bis an sein Lebensende, wie bezaubert er davon war. Er fühlte darin eine geheimnisvolle Kraft, von der die Welt sicherer geleitet wird als von irgendeiner menschlichen.“ - Ich fragte mich: Habe ich als fünfjähriger Junge vielleicht etwas Ähnliches erlebt? - Spontan fällt mir die „Gottesmutter“ ein. Ich malte sie damals mit Jesus auf dem Schoß. Sein Kopf mit der Dornenkrone lag auf ihrem rechten Knie, im Bild also links. Sein Leichnam war steif nach rechts unten gestreckt. Doch der Saum ihres weiten Muttergottes-Gewandes umgab schützend den Leichnam.

Mein Vater, Lutheraner und eifriger Bibelleser, machte große Augen, als er mein Gemälde betrachtete. Seine Augen hatten etwas Fragendes. Deshalb sagte ich, das sei die Muttergottes mit dem verstorbenen Jesus. Er klärte mich auf: Katholiken glauben an die Gottesmutter, wir Protestanten nicht. Ob Gottesmutter oder nur die Mutter eines Menschen, heute empfinde ich immer stärker: Diese Pieta, die ich malte und an die ich mich noch genau erinnern kann, hat sich auf geheime Weise in der Entwicklung meines Denkens, Fühlens und Glaubens als mein Kompass erwiesen. Aber es kamen noch zwei Dinge hinzu: das Tastenbild des Klaviers und die Stimmpfeife meines Vaters, die er stets bei sich trug, um manchmal den Ton anzugeben, besonders dann, wenn er Im Gesangverein hin und wieder den Chorleiter vertreten musste.

Meine Mutter, eine resolute, kluge und mutige Frau, hielt nicht viel vom Jenseitsglauben. So war sie früh meinem Vater zuliebe protestantisch geworden. Nach dem Tode sei alles aus, sagte sie oft. Doch als sie starb, sagte sie immerhin: „Wer weiß , wo ich lande?“ - Dass Maria, die Mutter Jesu, „Gottesmutter“ genannt wurde, hatte ich von meiner drei Jahre älteren Base Klara Bock erfahren und selbstverständlich akzeptiert. Klärchen wohnte im selben Haus in der Parterre unter uns. In ihrem Kirchenheft hatte ich mir gewiss die verschiedenen Darstellungen von Maria und Jesus genau angesehen. Mein Vater war allerdings dann doch die Hauptperson, die mich zum Glauben führte durch viele Lesungen in der Lutherbibel. Er fragte mich immer wieder, wie ich selber über manche Bibelstelle denke. Das spornte mich an.

Der Artikel 1 unseres Grundgesetzes lautet: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Es gibt aber Tasten für mich, die, wenn man sie in bestimmter Weise andrückt, eine Würde ausdrücken, die die Grenzen bloß menschlicher Solidarität überschreitet: die Tasten des Klaviers. Ist der Kosmos ohne Würde? Welche Würde schenkt uns die Musik?

C.G.Jung schreibt in „Die Bedeutung des Vaters für das Schicksal des Einzelnen“, (Zürich und Stuttgart 1962, S.7): „Das Verhältnis zu den Eltern ist in der Tat der infantile Kanal par excellence, in den die auf Hindernisse stoßende Libido des späteren Lebens zurückflutet und dadurch längst vergessene seelische Inhalte der Kindheit wieder belebt.“ Es ist gleichsam der erste Kompass für die Orientierung unseres sich bildenden Gewissens, wenn wir uns aufmachen, die Welt zu erleben und über das nachzudenken, was über unseren Horizont hinausreicht. Denke ich zurück an meine frühe Kindheit, so bildete die Stimmpfeife meines Vaters im Zusammenhang mit dem Tastenbild des Klaviers und das von mir gemalte Bild der Muttergottes in Trauer um ihren Sohn der erste Kompass meines Lebens. Ich sollte wohl herausfinden, an welcher Stelle unsere Dur-Moll-Musik nicht nur die Quelle unserer Liebe anzeigt, sondern auch ein Licht wirft auf den Anker einer personalen Liebe im ganzen Universum. Meine Sprachmelodieforschung mit Hilfe meiner Stimmpfeife liefert mir die schönsten Beweise für die musikalischen Zusammenhänge der Welt.

 

Albert Einsteins Weltformel E = mc2 heißt auch:

Energie = Mutterliebe mal Lichtgeschwindigkeit hoch Zwei.

 

 

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